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150 Jahre Rudolf Steiner - Am 27. Februar 2011 jährt sich der Geburtstag des bedeutenden österreichischen Philosophen und Goetheforschers Rudolf Steiner (1861-1925) zum 150. Mal. Der Begründer der Waldorfschulen, der anthroposophischen Geisteswissenschaft und Pionier der biologischdynamischen Landwirtschaft war einer der einflussreichsten Reformer des 20. Jahrhunderts.
Seine Ideen und Innovationen inspirieren bis heute Unternehmer, Künstler und Wissenschaftler auf der ganzen Welt und prägen in vielfaltigen Formen unser Kultur- und Alltagsleben.
Über tausend Waldorfschulen und Kindergärten, mehrere hundert heilpädagogische und sozialtherapeutische Einrichtungen weltweit, international erfolgreiche ethische und sozial-ökologische Bankinstitute sowie zahlreiche Kliniken und landwirtschaftliche Betriebe auf allen Kontinenten zeugen davon, wie nachhaltig sich Steiners Gedanken bis heute ausgebreitet haben.
Mit Beginn des 21. Jahrhunderts haben Steiners Impulse zur ökologischen Verantwortung, zum Verhältnis von Arbeit und Geld und zur Prävention gesundheitlicher und sozialer Missstände und Nöte eine neue Brisanz erhalten. Diese Aktualität aufzuzeigen und den Eingang des «Ideen-Kosmos Steiner» in den gesellschaftlichen, politischen und intellektuellen Diskurs unserer Zeit zu fördern ist das Ziel der zahlreichen akademischen, künstlerischen und interdisziplinären Veranstaltungen und Aktivitäten, die sich im kommenden Jubiläumsjahr quer über den Globus erstrecken. Es soll damit aufgezeigt werden, wie vielfältig Steiners Ideen heute bereits in der Welt leben, wo angewandte Anthroposophie ihre Potenziale bereits in der Praxis entfalten konnte und welche Lösungsansätze für brennende Zeitfragen sich heute aus Steiners spirituell-humanistischem Ansatz schöpfen lassen.
Zur offiziellen Eröffnung des Rudolf Steiner-Jahres fand am 27. Februar 2011 unter dem Ehrenschutz des österreichischen Bundespräsidenten Dr. Heinz Fischer in der Österreichischen Nationalbibliothek (Wiener Hofburg) eine feierliche Matinée statt, mit zahlreichen geladenen Festgästen.
Anthroposophie
Mit dem 21. Jahrhundert haben Religion und kulturelle Tradition ihre Aufgabe, dem Leben Sinn und Orientierung zu verleihen, an den einzelnen Menschen übergeben.Wir Menschen sind damit in vollem Umfang unserer Existenz bei uns selbst angekommen. Die Grösse und Herausforderung unserer Zeit besteht darin, dass nun jeder Mensch vor der Aufgabe steht, sich selbst Leitlinien für sein Handeln und Denken zu geben, will er sich in den Angeboten der materiellen Welt nicht verlieren.
Dabei bricht häufig das Bedürfnis auf, ein bewusstes Verhältnis zur geistigen Welt zu gewinnen. Eine Erkenntnisart zu enwickeln, durch die die Wirklichkeit einer geistigen Welt konkreter erfahren werden kann und die in ihrer inneren Gediegenheit der Naturwissenschaft verwandt ist – das war die Lebensleistung Rudolf Steiners.
Diese Anthroposophie (Bewusstsein des Menschentums) kann nicht nur dem einzelnen Menschen Orientierung geben, sondern bringt Impulse für alle Gebiete der Kultur. Sie hat vielen bedeutenden Persönlichkeiten ermöglicht, ihren Kulturleistungen und Ideen neue Horizonte zu eröffnen. Die aus der Anthroposophie hervorgehenden Leistungen auf den Gebieten von Pädagogik, Medizin, Landbau und Architektur finden weltweite Beachtung. Dies gilt vor allem seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, als spirituelles Gedankengut in der Öffentlichkeit zusehends zur Selbstverständlichkeit wurde. Die über 10.000 anthroposophischen Einrichtungen wie Kliniken, Schulen, Höfe und Heime finden in allen Erdteilen Anerkennung. Kulturinitiativen in sozialen Brennpunkten wie Südafrika, Südamerika oder im Mittleren Osten entstehen, und die Verleihung des alternativen Nobelpreises an zwei anthroposophische Kulturträger zollte dieser Tatsache unerwarteten Respekt. Die Anthroposophische Gesellschaft bietet weltweit Raum und Gelegenheit für spirituelle Entwicklung, künstlerische Entfaltung und zivilgesellschaftliches Engagement.
«Unter Anthroposophie verstehe ich eine wissenschaftliche Erforschung der geistigen Welt, welche die Einseitigkeiten einer blossen Naturerkenntnis ebenso wie diejenigen der gewöhnlichen Mystik durchschaut und die, bevor sie den Versuch macht, in die übersinnliche Welt einzudringen, in der erkennenden Seele erst die im gewöhnlichen Bewusstsein und in der gewöhnlichen Wissenschaft noch nicht tätigen Kräfte entwickelt, welche ein solches Eindringen ermöglichen.»
Rudolf Steineraus http://www.goetheanum.org/87.html
«Rudolf Steiner fängt erst an, aktuell zu werden»
Die Aktualität des Denkens von Rudolf Steiner in der globalisierten Welt des 21.Jahrhunderts war das zentrale Thema der großen Auftaktveranstaltung zum Steiner-Jubiläumsjahr in der ersten Novemberwoche 2010 am Goetheanum in Dornach. Als Fazit kann ein Satz aus der Darstellung von Goetheanumsvorstand Bodo von Plato gelten: „Rudolf Steiner fängt erst an, aktuell zu werden".
Die internationalen Teilnehmer auf dem Eröffnungspodium begründeten, weshalb sie Anthroposophen sind bzw. was sie Steiner verdanken. Aban Bana z.B. berichtete als Repräsentantin anthroposophischer Kulturarbeit auf dem indischen Subkontinent vom Interesse und der Entwicklung anthroposophischer Einrichtungen in Indien in den letzten 15 Jahren. Entstanden seien Zweige der anthroposophischen Gesellschaft, Waldorf-Schulen, heilpädagogischen Schulen, Camphill Dörfer, bio-dynamische Farmen, anthroposophische Medizin und Architektur sowie verschiedene Ausbildungsstätten. Ute Cræmer, Mitbegründerin von Monte Azul und der Alliance for Childhood in Brasilien, schilderte die Begegnungen in den Favelas ihres Landes. Sie berichtete von Menschen, die in Not sind existenziell und seelisch. „Jede einzelne Seele möchte in der Welt wirken und empfindet Hindernisse", betonte sie. Wesentlich sei die Tatsache, dass Tätigkeiten individuell gestaltet würden, denn ein geistiger Kern lebe in jedem Menschen. Diese Erkenntnis sei der spezifische Beitrag der Anthroposophie. Das Gegenüber spüre diese Haltung und fühle sich als Mensch akzeptiert. Dadurch werde Entwicklung möglich. In der anschließenden Aussprache wurde die Frage nach anderen Konzepten der sozialen
Arbeit gestellt. Die Antwort verwies auf das spirituelle Menschenbild in sozialer Arbeit auf der Basis der Anthroposophie, nach dem alle Menschen - auch Kriminelle - entwicklungsfähig seien. Hinzu komme die Hoffnung auf Reinkarnation, die Vertrauen in eine langfristige Entwicklung einzelner, aber auch in die von Gruppen ermögliche. Gerald Häfner, Gründungsmitglied der „Grünen/Bündnis 90" stellte fest, dass in der Öffentlichkeit zwar immer noch eine Befangenheit im Umgang mit Steiner herrsche, andererseits zeichne sich zunehmend ein wertfreier Blick auf sein Werk ab. Zu Steiners Aktualität meinte Häfner: „Wir werden noch sehr lange brauchen, ihn einzuholen." Als Mitglied des Europaparlaments berichtete er von den Anfängen einer transnationalen Bewegung für mehr Bürgerbeteiligung.
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